Rollstuhlrugby als Start in ein neues Leben

Mit ihrer Initiative „Lass’ Dich nicht hängen“ wollen die Munich Rugbears anderen Querschnittgelähmten Mut machen.

 

"Für Johannes Hund (vorne rechts) war Rollstuhlrugby die Chance, sich nach seiner Querschnittlähmung wieder ins Leben zurück zu kämpfen. (Foto: Franz Hund)
"Für Johannes Hund (vorne rechts) war Rollstuhlrugby die Chance, sich nach seiner Querschnittlähmung wieder ins Leben zurück zu kämpfen. (Foto: Franz Hund)

Johannes Hund steht mit 23 Jahren die ganze Welt offen. Er studiert Informatik, hat ein Stipendium von Siemens und glänzende Karriereaussichten. Am Tag des Vordiploms geht er mit seinen Freunden am See feiern. Um sich abzukühlen, rennt er ins Wasser, stolpert und bricht sich die Halswirbelsäule. Durch den Badeunfall ist er seitdem vom C6-Wirbel an gelähmt. Danach fällt er in ein schwarzes Loch.

Sport als Motivation

„Sein Glück war, dass er in der Spezialklinik in Bayreuth mit Rollstuhlrugby in Kontakt kam. Die Mannschaft aus Bayreuth hat damals in der Klinik trainiert. Durch das Vorbild dieser Spieler hat mein Sohn gesehen, dass es auch mit Querschnittlähmung noch Perspektiven gibt, dass man Sport treiben, beruflich erfolgreich sein und eine Partnerschaft haben kann“, fasst Franz Hund die Erfahrungen seines Sohnes zusammen. Heute, neun Jahre später, hat Johannes mit magna cum laude in Informatik promoviert und arbeitet als Wissenschaftler im Forschungsbereich der Siemens AG in München.

Außerdem spielt er zweimal in der Woche Rollstuhlrugby beim TSV München-Milbertshofen. Sein Vater Franz ist dort seit anderthalb Jahren Abteilungsleiter. Momentan sind es 15 Mitglieder, darunter eine Frau. Durch die sich verändernden Lebenssituationen der einzelnen Spielerinnen und Spieler ist die Fluktuation groß. Trainiert wird zweimal die Woche von 19 bis 21 Uhr. „Der Aufwand, den Sie als Rollstuhlrugbyspieler treiben müssen, ist relativ hoch. Wenn Sie Turniere mitmachen, dann sind aufwändige Reisen mit Begleitperson notwendig. Die Spieler brauchen Hilfe, um von einem normalen Rollstuhl in den Rugbyrollstuhl zu wechseln. Dazu sind diese Spezialrollstühle mit 5.000 bis 7.000 Euro pro Stück relativ teuer“, erklärt Franz Hund.

Der Preis kommt zustande, weil die Rollstühle an die Körpermaße des Spielers angepasst werden müssen, außerdem müssen sie robust sein, weil die Rugbyspieler volles Rohr aufeinander losfahren. „Sonst macht es ja keinen Spaß“, sagt Franz Hund und lacht. Anders als beim Rollstuhlbasketball haben Querschnittgelähmte beim Rollstuhlrugby auch mit schwerem Handicap noch die Chance, sportlich aktiv zu sein.

Trotz Handicap Spiele entscheiden

„Bei Querschnittlähmungen gibt es eine klare Hierarchie, je nachdem in welchem Bereich der Wirbelsäule die Verletzung liegt. Die Paraplegiker, die einen Bruch im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule haben, können sich oft noch ganz gut bewegen, weil sie Arme und Finger ansteuern können, der Oberkörper stabil ist und sie das Gleichgewicht halten können. Bei den Tetraplegikern, die einen Bruch im Bereich C6/C7 der Halswirbelsäule oder aufwärts haben, sind dagegen nur noch Restfunktionen erhalten geblieben. Bei meinem Sohn Johannes zum Beispiel ist es so, dass er die Finger nicht steuern und den Arm nicht strecken kann, d.h. er kann den Ball nicht von oben nach unten, sondern nur von unten nach oben werfen.

Rollstuhlbasketball kann er deshalb nicht spielen, aber Rollstuhlrugby“, erklärt Franz Hund seinen Sport. „Jede neue Spielerin, jeder neue Spieler wird zuerst von einem Sportmediziner eingestuft. Die Spielstärke reicht von 0,5 Punkten bis zu maximal 3,5 Punkten je nach Beweglichkeit und Kraft. Das ist wichtig, weil bei nationalen Turnieren eine Mannschaft mit vier Spielerinnen und Spielern zusammen nur 7 Punkte aufs Feld bringen darf. Das heißt: Sie können eben nicht nur gute, bewegliche Spieler aufstellen, sondern brauchen auch welche mit schwerem Handicap. Diese spielen dann als Strategen eine entscheidende Rolle, indem sie andere leistungsstarke Spieler in die Zange nehmen und blockieren“, so Franz Hund. „Das ist eine ganz wichtige Erfahrung für sie, dass sie für das Spiel wirklich gebraucht werden.“

Aber der Sport ist nicht alles. Durch das Schicksal seines Sohnes hat Franz Hund hautnah miterlebt, welche Rolle gerade das Zusammensein nach dem Sport für die Betroffenen spielt. „Der Erfahrungsaustausch mit anderen Rollstuhlfahrern ist unheimlich wertvoll. Wir gesunden – oder ‚Fußgänger’ wie die Rollstuhlfahrer sagen -  können vieles nicht nachvollziehen. Wenn unsere Spieler nach dem Training zusammen sitzen dann werden ganz lebensnahe praktische Tipps ausgetauscht, wie zum Beispiel wo man im Urlaub hinfahren kann, welche Hotels barrierefrei sind oder in welche Disco in München man auch mit Rollstuhl kommt“, fasst Franz Hund zusammen.

Schau’n mer mal, dann seh’n mer scho’

Seine Bewerbung für die „Sterne des Sports“ hat der TSV München-Milbertshofen bei der Raiffeisenbank München-Süd eG abgegeben und wurde Bronzesieger des Kreisverbandes München. Nach dem Landessieg in Bayern und der Preisverleihung des „Großen Stern des Sports“ in Silber Ende November hat die Munich Rugbears die große öffentliche Resonanz überrascht. „Ich hätte nie gedacht, dass uns nach dem Bericht im Bayerischen Fernsehen und bei TV München so viele Menschen auf unseren Sport ansprechen“, erinnert sich Franz Hund.

Wichtigstes Ziel bleibt für ihn und die gesamte Abteilung weiter, möglichst viele Frischverletzte für Rollstuhlrugby zu begeistern. Das gelingt am besten in der Klinik, deshalb will der Verein auch weiter Präsentationen in der BGU Klinik Murnau organisieren und direkt ins Gespräch mit den Patientinnen und Patienten dort kommen. „Viele von ihnen sind ja jung und sportbegeistert. Wenn man nach einem Unfall beim Snowboarden oder Motorradfahren im Rollstuhl landet, dann hat man natürlich zuerst das Gefühl, dass das Leben vorbei ist. Gerade hier wollen unsere Spieler ein positives Beispiel geben, dass es weitergeht und man Spaß haben kann“, unterstreicht Franz Hund.

Zum Bundesfinale der „Sterne des Sports“ in Gold am 29. Januar in Berlin fährt er mit einer gewissen Gelassenheit. „Natürlich ist man stolz, wenn das eigene ehrenamtliche Engagement gewürdigt wird und selbstverständlich ist es etwas besonderes, den Bundespräsidenten zu treffen. Aber ich würde meine Arbeit auch ohne die Auszeichnung fortsetzen. Wir sehen es olympisch: dabei sein ist alles“, sagt Franz Hund und ergänzt mit einem Lächeln, dass er zu den anderen Finalisten schon im Internet recherchiert hat: „Es wird mit Sicherheit eine stramme Konkurrenz. Aber wie sagt Franz Beckenbauer immer: Schau’n mer mal, dann seh’n mer scho.“

(Quelle: wirkhaus)


  • "Für Johannes Hund (vorne rechts) war Rollstuhlrugby die Chance, sich nach seiner Querschnittlähmung wieder ins Leben zurück zu kämpfen. (Foto: Franz Hund)
    "Für Johannes Hund (vorne rechts) war Rollstuhlrugby die Chance, sich nach seiner Querschnittlähmung wieder ins Leben zurück zu kämpfen. (Foto: Franz Hund)
  • Körpereinsatz ist beim Rollstuhlrugby der Schlüssel zum Erfolg. (Foto: TSV München-Milbertshofen)"
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